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Haßfurt soll Hochschulstandort werden

Einstimmige Beschlüsse: Kreistag Haßberge und Stadtrat Haßfurt ebnen den Weg für ein Technologietransferzentrum.

Sie ziehen an einem Strang, um in Haßfurt ein Zentrum für Kunststofftechnologie zu errichten: Landrat Wilhelm Schneider, Bürgermeister Günther Werner, die Mitglieder des Kreistages Haßberge und des Stadtrates Haßfurt, sowie die Vertreter der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, die Unternehmen, die Handwerkskammer, die IHK, die Regierung von Unterfranken und die Banken.

Einstimmige Beschlüsse: Kreistag Haßberge und Stadtrat Haßfurt ebnen den Weg für ein Technologietransferzentrum. Wellrohr-Extrusion in der Kunststoffherstellung erfordert eine spezialisierte Ausbildung der Fachkräfte und Ingenieure.

 

Da waren sich alle einig: die Mitglieder des Kreistages Haßberge und des Stadtrates Haßfurt haben am Montag in einer gemeinsamen Sitzung die Weichen dafür gestellt, der vielseitigen Bildungslandschaft des Landkreises einen wichtigen Baustein hinzuzufügen. Bis 2023 soll in der Kreisstadt ein Kunststoffkompetenzzentrum entstehen. Erster Schritt ist die Etablierung eines Technologietransferzentrums auf dem Gelände der Heinrich-Thein-Berufsschule in Haßfurt. Die Kosten für die Sanierung und Umbau des Gebäudes belaufen sich nach einer ersten Berechnung auf rund 5,3 Millionen Euro, die sich die Stadt Haßfurt und der Landkreis Haßberge teilen werden. Um die auf fünf Jahre befristete Stiftungsprofessur zu finanzieren – im Jahr fallen 130.000 Euro an -  wurden neben dem Landkreis Haßberge und der Stadt Haßfurt zahlreiche Partner mit ins Boot geholt, wie etwa die Unternehmen, Kreditinstitute, IHK und  Handwerkskammer, die eine Beteiligung in Aussicht gestellt haben.

 

Die Notwendigkeit für eine solche Einrichtung sei bereits 2017 bei der Fortschreibung des Regionalplans der Region Main-Rhön im Kapitel „Wirtschaft“ festgestellt worden. „Das fehlende Hochschulangebot wirkt sich auf unsere Bevölkerungsstruktur aus: viele junge Menschen verlassen unseren Landkreis zum Studium und anschließender Beschäftigung, falls überhaupt, kehren sie erst relativ spät wieder zurück“, skizziert der Landrat die Situation.  Die Lösung für dieses Problem: Lokale Unternehmen untereinander und mit wissenschaftlichen Einrichtungen vernetzen und in starken Branchen Kompetenzzentren einrichten.

 

Wie Landrat Wilhelm Schneider deutlich machte, verfügt der Landkreis Haßberge im Bereich der (Verbund-)Werkstoff- und Kunststoffverfahrenstechnologie über sehr große Kompetenzen. In diesem Segment haben sich die Unternehmen Fränkische (Königsberg), Maintools TSK Machinery (Eltmann), Maincor Rohrsysteme Industrie (Knetzgau), PMA Deutschland, Schlemmer, Unicor (Haßfurt), Uniwell (Ebern), Uponor (Haßfurt) und Valeo (Ebern) als Global Player positioniert. Doch nicht nur die Unternehmen selbst hätten Interesse, ihre Marktposition zu halten, bzw. weiter auszubauen, auch der Landkreis selbst, denn rund ein Viertel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind im Bereich Kunststofftechnologie und Rohrsysteme tätig. „Eine konkrete Unterstützung, die insgesamt auch zu unserer Bildungsregion und zu den Zielen des Regionalplans passen würde, ist die Ansiedlung einer Hochschule, einer Forschungseinrichtung oder derartiges und ein Angebot der beruflichen Fortbildung“, so Landrat Wilhelm Schneider.

 

Vor diesem Hintergrund wurden Gespräche mit den ansässigen Unternehmen geführt und erste Kontakte zu Hochschulen aufgenommen, die den Aufbau einer hochschulischen Einrichtung unterstützen könnten. Die Unternehmer hätten diese Initiative ausdrücklich begrüßt. Gerade die Wellrohr-Extrusion sei ein spezielles Gebiet in der Kunststoffherstellung, das eine adäquate und spezialisierte Ausbildung der Fachkräfte und Ingenieure erfordert. Aktuell erfolgt diese ausschließlich in den Betrieben nach der Ausbildung, da die Wellrohr-Extrusion in der Ausbildung immer nur am Rande gestreift wird.

 

Mit Unterstützung der Unternehmen wurden die Handlungsfelder näher herausgearbeitet und definiert. Auch die Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FH) attestierte dem Landkreis eine einzigartig hohe Dichte von Herstellern intelligenter Kunststoff-Wellrohrsysteme. Es wurde aufgezeigt, dass in den vier Handlungsfeldern Forschung und Entwicklung, Fortbildung und Qualifizierung, duale Ausbildung und Berufsbegleitende Studiengänge Bedarf besteht. Im Zuge dieser Gespräche sei als erfolgsversprechender erster Schritt die Idee der Gründung eines Technologiezentrums „Smart Polymer Pipe Systems“ (TTZ) – so der Arbeitstitel – entstanden, das in Zusammenarbeit mit den Hochschulen und Forschungseinrichtungen der Region umgesetzt werden soll. Das Projekt ist eines der Leitprojekte der Regiopolregion Mainfranken.

 

Das TTZ verfolge Ziele für die Unternehmen sowie die Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen, die insgesamt der wirtschaftlichen Entwicklung des Landkreises Haßberge, aber auch der gesamten Region Mainfranken und Bayern zu Gute kommen. Für die Unternehmen werde ein einfacher Zugang zu wissenschaftlichen Ressourcen (Laboren, Maschinen, Wissenschaftlern, Studierenden) in Ortsnähe ermöglicht. Dadurch lassen sich wissenschaftliche Fragestellungen in Zusammenarbeit mit der Hochschule unter Bezugnahme von Fördergeldern lösen. Daneben lernen Unternehmen in Projekten arbeitende Studierende als mögliche zukünftige Mitarbeiter kennen.

 

Auf eine erste Anfrage beim zuständigen Wissenschaftsministerium sei ein positives Signal gekommen. In einem Schreiben habe der Bayerische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Bernd Sibler, mitgeteilt, dass er der Gründung eines solchen Zentrums grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber sehe. Er wies aber auch darauf hin, dass die Unternehmen und Kommunen vor Ort in der fünfjährigen Aufbauphase einen eigenen finanziellen Beitrag leisten müssten. Danach entscheidet das Ministerium, ob das Projekt erfolgreich weitergeführt werden kann. Im Falle einer Zusage würde der Freistaat Bayern die Kosten der Professoren-stelle übernehmen. Die Besetzung der Stiftungsprofessur wird rund eineinhalb Jahre in Anspruch nehmen und über den Stiftverband für die Deutsche Wirtschaft abgewickelt.

 

Weiterhin besteht für den Landkreis Haßberge und die Stadt Haßfurt die Verpflichtung eine entsprechende Immobilie zu errichten, bzw. über einen Zeitraum von fünf Jahren zur Verfügung zu stellen. Nach Abstimmungsgesprächen mit der Stadt Haßfurt und der FH und auf Grund von Besichtigungen vergleichbarer Einrichtungen wird ein berufsschulnaher Standort favorisiert. Dieser ermöglicht einen intensiven Austausch mit der Berufsschule und kann Synergien sowohl für das TTZ als auch den Berufsschulstandort erzeugen.

 

Die Haßfurter Heinrich-Thein-Berufsschule wird aktuell in erheblichem Umfang generalsaniert. Der im Norden gelegene Bauteil D bietet dafür ideale Voraussetzungen. Die Kosten für die Sanierung müssen sich der Landkreis Haßberge und die Stadt Haßfurt teilen. Hierfür sind entsprechende Vereinbarungen abzuschließen. Für die Planung und Sanierung ist mit einem Zeitraum von zwei Jahren zu rechnen.

 

Dipl.-Ing. Marko Siller, Leiter Entwicklung und Produktmanagement bei den Fränkischen Rohrwerken Königsberg, berichtete aus Sicht der Unternehmen, warum die Einrichtung eines TTZ begrüßt wird.  Die Personalgewinnung war dabei ein wichtiger Aspekt, denn schon jetzt fehlen in den Kunststoffberufen Fachkräfte und Bewerber. Ebenso profitiere die Forschung und Entwicklung davon.

 

Prof. Robert Grebner, Präsident der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt betonte, dass die FHWS voll hinter dem Technologietransferzentrum stehe. „Hier im Landkreis Haßberge ist geballte Kompetenz im Bereich Kunststoff vorhanden“, ergänzte Prof. Dr. Volker Herrmann, der als Dozent an der FH tätig ist. Eine derartige Einrichtung wäre für die Hochschule und die Studierenden eine enorme Aufwertung. So listete er gleich eine ganze Reihe an Vorteilen und Nutzen auf, die ein Kunststoffkompetenzzentrum mit sich bringe:

  • für die Unternehmen: Zugang zu wissenschaftlichen Ressourcen (Labore, Maschinen, Studierende, Wissenschaftler) sowie zu Fördergeldern und Kontakte zu potentiellen zukünftigen Mitarbeitern.
  • für die Hochschule: Zugang zu praxisrelevanten Themen, Einzug in Forschung und Lehre; Steigerung der Attraktivität für Studierende durch angewandte Forschung und Möglichkeit des Zuwachses an Drittmitteln.
  • für die Studierenden: Kontakt zu potentiellen Arbeitgebern sowie interessante und praxisnahe Aufgabenstellungen mit hervorragender Betreuungsmöglichkeit.

Schwerpunkte der Forschung liegen in den Bereichen „Smart Pipes“, Nachhaltigkeit, Qualität, Produktion und Mess/Prüftechnik. „Die Räumlichkeiten in der Berufsschule passen wie die Faust aufs Auge“, so Prof. Dr. Herrmann begeistert. „Das Kunststoffzentrum wird ein echtes Aushängeschild für die Region, das es bisher nirgendwo in Deutschland gibt“, war er sich sicher.

 

Nach dem jetzigen Stand der Planung könnte das TTZ im Wintersemester 2023/24 an den Start gehen. In diesem Jahr werden die erforderlichen staatlichen Mittel für die Einrichtung und Maschinen beim Wissenschaftsministerium für den Doppelhaushalt 2021/22 angemeldet. Ab Herbst 2021 könnte der Stifterverband die Suche nach einem geeigneten Lehrstuhlinhaber beendet haben. Anfang 2022 kann dann die Ausschreibung „Maschinenpark“ für das TTZ erfolgen.

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