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Zeitzeugen berichten über 50 Jahre Landkreis Haßberge

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Wie der Landkreis Haßberge zu seinem Namen und Wappen kam

Nach der Fusion der drei Alt-Landkreise Haßfurt, Ebern und Hofheim gingen der Entscheidung über den Namen langwierige Diskussionen voraus. Der Landkreis steht für Heimat, für die Region aus der man stammt, die Bürger sollten sich damit identifizieren können. Die einen schlugen vor, man sollte den Kreis nach der Kreisstadt Haßfurt benennen, andere meinten wiederum, dieser Name würde der Vielfalt der ländlichen Regionen zwischen Coburg, Bamberg und Schweinfurt nicht gerecht. Vor allem die Eberner und Hofheimer waren gegen diesen Vorschlag.

Der Kreistag plädierte am 16. Oktober 1972 mehrheitlich für einen Namen, der landschaftsbezogen sein sollte. Doch auch die Bezeichnung Haßberge-Steigerwald-Kreis setzte sich nicht durch. Irgendwann besann man sich dann auf die Kurzformel, die bereits seit langem die Aktenordner als Arbeitstitel geschmückt hatte. Der Kreis erhielt den offiziellen Namen „Landkreis Haßberge“, der sich schnell einbürgerte und mit dem sich die Bewohner aller drei Altlandkreise identifizieren konnten.

Bei der Suche nach dem Wappen für den Landkreis war es noch schwieriger, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Ein einheitliches Symbol für die Region gibt es nicht, also mussten mehrere Zeichen miteinander verbunden werden, um auch die Gegend zu beschreiben. Auch die Wappen der Altlandkreise hatten sich schon aus verschiedenen Zeichen zusammengesetzt, die wiederum frühere Besitzansprüche widerspiegelten.

Auf dem Weg zum neuen Selbstbewusstsein

1972 wurde Walter Keller an die Spitze des neuen Landkreises Haßberge gewählt. Der Hofheimer Landrat Dr. Herbert Krahmer hatte damals aus gesundheitlichen Gründen darauf verzichtet, gegen Keller anzutreten. In einer Delegiertenversammlung hatte sich die Mehrheit für den bisherigen Haßfurter Landrat und nicht für den Eberner Landrat Dr. Hans Reuther als Kandidat der CSU entschieden.

Nach Abschluss der Landkreisreform warteten viele neue Aufgaben und ungelöste Probleme sowie neue Herausforderungen auf den Chef des neuen Haßberg-Kreises.

„Der Kreistag und ich waren direkt, unmittelbar und manchmal auch schonungslos gefordert“, erinnert sich der heute 88-Jährige. Zum einen galt es, die von den vormaligen Landkreisen eingeleiteten Maßnahmen zügig fortzuführen und zu vollenden. Zum anderen wollte man dem reformierten Landkreis ein neues Selbstbewusstsein geben, ihn zu einer Einheit formen, damit er zukunftsorientiert nach innen und außen seinen Aufgaben möglichst gerecht wird.


Nach der Konstituierung des neuen Kreistages wurde eine kurze Bestandsaufnahme gemacht. Dabei zeigte sich, dass die Fülle der Aufgaben gar keine Zeit ließ, um rückwärts zu schauen. Ein Schwerpunkt der ersten Haushalte war vor allem der Ausbau des Kreisstraßen-Netzes. Mit dem Bau der Verbindungsstraße von Haßfurt nach Ebern, der im Volksmund auch „Keller-Highway“ genannt wird, wurde beispielsweise dafür gesorgt, dass der vorherige Landkreis Ebern an das Maintal und an die Kreisstadt qualifiziert angebunden ist.

Um die durch die Kreisreform auferlegten Zentralitätsverluste zwischen den vormaligen Kreisstädten auszugleichen, wurden in Ebern und Hofheim neue Akzente gesetzt. Das Gymnasium Ebern wurde zügig fertig gebaut, die Sportstättenplanung wurde zugunsten aller Schulen auf eine Dreifachturnhalle ausgerichtet. Das Kreiskrankenhaus erhielt unverzüglich - neben der bisherigen Chirurgie eine internistische Abteilung, einschließlich Labor und Röntgenstation. Außerdem wurde die seit Jahren leer stehende Landwirtschaftsschule einer neuen Nutzung zugeführt, nämlich der Meisterschule für das Schreinerhandwerk, die zweite in Bayern.

Damit wurde die überörtliche Bedeutung Eberns als Zonengrenzland-Standort erheblich aufgewertet. Außerdem wurde in Ebern eine Zweigstelle des Landratsamtes integriert, die von Oberamtsrat Franz Weiner geleitet wurde. Regelmäßig war aber auch Landrat Keller vor Ort präsent und hielt Sprechstunden für die Bürger in Ebern ab. Geblieben von der einstigen Zweigstelle des Landratsamtes ist bis heute die Kfz-Zulassungsstelle.

Auch die Stadt Hofheim veränderte sich: Das bisher allgemeine Kreiskrankenhaus wurde umstrukturiert mit Schwerpunkt Innere Medizin und Geriatrie. Mit Beschluss vom 16. Oktober 1972 beantragte der Kreistag bei der Bayerischen Staatsregierung, das Landwirtschaftsamt für den gesamten Landkreis von Haßfurt nach Hofheim zu verlegen. Ein wichtiger Schritt, nicht nur um den Verlust als Kreisstadt auszugleichen, sondern auch um die Zusammenarbeit mit der dort seit Jahren wirkende Geschäftsstelle des Kreis-Bauernverbandes und des Maschinenrings spürbar zu verbessern.

Walter Keller hat alle Felder der Kreispolitik mit hohem Einsatz beackert und sich neben den alltäglichen Pflichtaufgaben ernsthaft mit Zukunftsfragen beschäftigt. Er hat die Fusion der Sparkassen forciert. Auf seine Initiative wurde der VHS-Kreisverband gegründet, um Volksbildung flächendeckend zu verbinden. Eine hauptamtlich besetzte Geschäftsstelle koordiniert das breitgefächerte Angebot der Erwachsenenbildung und unterstützt professionell und partnerschaftlich die in den örtlichen Volkshochschulen ehrenamtlich tätigen Männer und Frauen.  

Nach der Gebietsreform war es auch unter anderem notwendig, die drei ehemaligen Rot-Kreuz-Kreisverbände zu vereinigen. Die Feuerwehren, Sportvereine und die Jugendverbände wurden ebenfalls neu organisiert und unter dem Dachverband des Kreisfeuerwehrverbandes, beziehungsweise des BLSV und des Kreisjugendringes zusammengeschlossen.

Ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg zur Integration der drei Landkreise war es, die Obst- und Gartenbauvereine unter die „Haube“ eines neuen Kreisverbandes zu bringen.  Auch die ehrenamtlich im Dienste von Recht und Ordnung öffentlich tätigen Feldgeschworenen schlossen sich zügig auf Kreisebene zusammen, so dass der traditionelle Siebener-Tag fest im jährlichen Veranstaltungsprogramm des Landkreises verankert wurde. Zu Kellers Verdiensten gehört es auch, die deutsch-französische Freundschaft mit dem Destrict Tricastin im Département Drome auf den Weg gebracht zu haben.

  • Vereidigung Walter Keller

    Walter Keller (rechts) stand 18 Jahre als erster Landrat an der Spitze des neuen Landkreises Haßberge. Unser Bild zeigt die Vereidigung bei der konstituierenden Sitzung des Kreistages 1972 durch den ältesten Kreisrat Ludwig Bock (links) aus Salmsdorf. In der Mitte der damalige Geschäftsleiter Arthur Strätz.

  • Investitionen in die Infrastruktur des neuen Landkreises waren gerade in den Anfangsjahren besondere Schwerpunkte im Haushalt.

  • Der Kreis-Bauausschuss 1973 auf Tour.

    Mit auf dem Bild Adelgunde Gröhling (3. von rechts), Rudolf Werner (links), Franz Blasl (3. von links), Erich Weber (4. von links), Landrat Walter Keller (Mitte), daneben Rudolf Winkler und Rudolf Mett (rechts). Foto: Günter Lipp

  • Kräftig investiert wurde in die drei Kreiskrankenhäuser in Ebern, Hofheim und Haßfurt. Die Einrichtungen wurden umstrukturisiert und modernisiert. Unser Bild entstand 1973 bei einer Ortseinsicht mit (von links) Kreisrätin Adelgunde Gröhling, Geschäftsleiter Arthur Strätz, Regierungsrat Wolfgang Bauer (Leiter der Kommunalaufsicht) und Landrat Walter Keller. Foto: Günter Lipp

  • Vor allem in den Anfangsjahren des reformierten Landkreises waren die Mitglieder des Kreistages oft auf Tour, um die anstehenden Maßnahmen vor Ort zu besprechen. Hier in Untermerzbach mit (von links) Bürgermeister Becker, Landrat Walter Keller, Erich Weber, MdL Gustav Wölfel und Heiner Schneier.

  • Gemeinsam zum Wohle der Bürger: Landrat Walter Keller (Mitte) und sein beiden Stellvertreter Heiner Schneier (links) und Franz Hofmann.

  • Zu den Verdiensten von Walter Keller gehört es auch, die deutsch-französische Partnerschaft mit dem Destrict Tricastin im Département Drome auf den Weg gebracht zu haben. Unser Foto entstand bei der offiziellen Feierstunde, bei der unter anderem die Partnerschafts-Urkunde unterzeichnet wurde. Von rechts: Landrat Walter Keller, Partnerschaftsbeauftragter Kurt Sieber, Marcel Gony und Dr.Jean Mouton, Veterinärarzt und ehrenamtlicher Bürgermeister der Stadt Pierrelatte.

"Es war wie ein Erdbeben" - Landrat a.D. Dr. Walter Keller erinnert sich

Die ersten Pläne der Staatsregierung zur Landkreisreform sorgen für hohe Wellen. Landrat a.D. Dr. Walter Keller erinnert sich an die Zeit vor 50 Jahren

Haßfurt - Die Geschichte des Landkreises Haßberge ist jung. Das Licht der Welt erblickte er am 1. Juli 1972, als sich im Zuge der kommunalen Gebietsreform die drei Landkreise Haßfurt, Ebern und Hofheim zusammenschlossen. Seit 50 Jahren ist der Haßberg-Kreis für über 84 000 Menschen Wohnsitz und Heimat geworden. Er bietet hohe Lebensqualität und ist ein attraktiver Wirtschaftsstandort mit Tradition und Zukunft. 

 

Einer, der erheblich dazu beigetragen hat, dass sich das „Kind“ der Landkreisreform so gut entwickelt hat, ist Dr. Walter Keller. Er hat die Region geprägt - von Anfang an. 18 Jahre stand er als Landrat an der Spitze des neu gegründeten Landkreises und hat dafür gesorgt, dass Infrastruktur und Leistungsfähigkeit der jetzt 26 Städte, Märkte und Gemeinden wesentlich verbessert wurden. Nicht von ungefähr wird er deswegen auch von vielen als „Vater des Haßberg-Kreises“ bezeichnet.

 

„Die Landkreisreform war von Ministerpräsident Alfons Goppel und seinem Ministerrat klug eingefädelt worden“, findet Walter Keller noch heute. Vor allem deswegen, weil man nicht versucht hat, den Landkreisen ausgefeilte Strukturen überzustülpen. Vielmehr wurden allgemeine Ziele formuliert und hat diese den gewählten Repräsentanten im Landtag sowie den Bürgermeistern, Landräten, Bezirksräten und Bürgern an die Hand gegeben.

 

Mit den generellen Zielen der angestrebten Reform sei der größte Teil der Bürger einverstanden gewesen. „Wer wolle im Grunde nicht die Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung, die Steigerung der Wirksamkeit, Wirtschaftlichkeit und Bürgernähe der Verwaltung sowie die Verbesserung der Lebensverhältnisse auf dem Lande und den Abbau des Leistungsgefälles zwischen Stadt und Land?“ Gerade der letzte Aspekt habe viele Mandatsträger und Bürger motiviert, sich mehrheitlich und auch relativ rasch mit dem Anliegen der Bayerischen Staatsregierung zu identifizieren. Die Reform sollte möglichst gleichwertige Lebensverhältnisse schaffen - ganz gleich ob jemand in Unterschleichach wohnt oder in Memmelsdorf.

 

Am 1. Februar 1971 hatte der unterfränkische Regierungspräsident Dr. Meixner alle 22 Landräte und fünf Oberbürgermeister nach Würzburg eingeladen, um die Reformpläne zu erläutern. „Da habe ich zum ersten Mal erfahren, dass auch die traditionellen Bezirksgrenzen in Frage gestellt werden“, erinnert sich Walter Keller, der seit 1968 Landrat  des Land-kreises Haßfurt war. „Spätestens ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass möglicherweise eine Zerreißprobe auf uns zukommt.“ Als Nachbar zu Oberfranken, sei „alles drin“ gewesen. Keller kannte natürlich die Verflechtungen und Beziehungen der Bürger zu den drei relativ nahe gelegenen kreisfreien Städten Schweinfurt, Bamberg und Coburg.

 

Noch bevor das offizielle Anhörverfahren angesetzt war, hatte der Kreistag schon am 15. Februar nahezu einstimmig beschlossen, den Landkreis Haßfurt nicht teilen zu lassen. „Das war eine Art Igelbeschluss, da haben wir angefangen, die Stacheln zu stellen.“ Die Meinungsbildung in den beiden Nachbarlandkreisen lief etwas anders: „In Ebern und Hofheim wurde eine gemeinsame Überlebenschance ganz anders gesehen. Da war man sich nicht so einig, wie man agieren und kooperieren sollte.“

 

Das erste Anhörverfahren habe eine große, negative Überraschung gebracht. „Es war wie ein Erdbeben“, vergleicht Walter Keller. Der Lösungsvorschlag des Innenministeriums sah vor, dass der Raum aufgeteilt wird und die Randgemeinden des Kreises Haßfurt sowohl im Osten wie im Westen an die künftigen Stadtumlandkreise kommen sollten. Also Dankenfeld, Kirchaich, Roßstadt und Stettfeld nach Bamberg; Gädheim, Ottendorf und Greßhausen zu Schweinfurt. Für die Nachbarkreise Ebern und Hofheim waren die Eingriffe wesentlich stärker vorgesehen in Richtung Coburg und in Richtung Bamberg. Vom ehemaligen Landkreis Ebern sollten nur noch Hermannsberg, Breitbrunn, Neubrunn und Hofstetten zu einem ostunterfränkischen Landkreis kommen, der „Löwenanteil“ sollte Coburg und Bamberg zugeteilt werden. Das Stadtlauringer Gebiet und mehrere Gemeinden des Landkreises Hofheim sollten Schweinfurt zugeschlagen werden. „Ein wahrlich technokratisches Konstrukt, das sich die Planungsstrategen in Würzburg und München am Schreibtisch zurechtgebastelt hatten. Eine bürokratische Reißbrettlösung, die nicht als lebensfähiges Kreisgebiet eingestuft werden konnte“, meint Keller.  

 

Weil auch die Stadt Gerolzhofen und alle Gemeinden ihres Nahbereiches die geplante Zuordnung Richtung Haßfurt kategorisch ablehnten und vehement den Anschluss an den „Schweinfurter Zug“  forderten, mussten neue Strategien und Techniken vor Ort konzipiert werden. Dabei war Walter Keller schnell klar, dass der vormalige Landkreis Haßfurt als erster von allen betroffenen Kreisen in der relativ verworrenen Situation unmissverständlich Flagge zeigen müsse. Um die vielschichtige Problematik der Kreisgebietsreform zu diskutieren, lud er am 20. Juli 1971 alle Bürgermeister in das Sportheim nach Sand ein. Die Beratung gipfelte in einem einmütigen Appell - dem sogenannten „Rütli-Schwur“, dass alle kreisangehörigen Städte und Gemeinden ein Höchstmaß an Geschlossenheit praktizieren. „Nur ein Zusammenschluss der drei bisherigen Kreise Ebern, Haßfurt und Hofheim konnte die lebensnotwendigen Interessen der Bürger und ihrer Heimat auch in Zukunft sicherstellen.“

 

Da das Kreisgebiet damals mit drei Vertretern im Landtag präsent war, konnten die vor Ort entwickelten Reform-Alternativen auch in München gezielt platziert werden: Durch den Stimmkreisabgeordneten Albert Meyer, durch seine Landtagskollegen Heiner Schneier, Mitglied des Rechts- Kommunal- und Verfassungsausschusses und Arthur Heinrich aus Rügheim - er war Stellvertreter des Landrats in Hofheim.  

 

Eindeutig waren dann die Stellungnahmen der drei Landkreise: die drei Kreistage Haßfurt, Ebern (Landrat Dr. Reuther) und Hofheim (Landrat Dr. Krahmer) lehnten die Kreisgebietsreform in der geplanten Form ab und sprachen sich mehrheitlich für die Bildung eines ostunterfränkischen Landkreises aus. Im Gegensatz zum Kreistag vermittelten die Stellungnahmen der kreisangehörigen Gemeinden im Eberner Raum ein sehr uneinheitliches Bild: Dürrenried, Wasmuthhausen, Hafenpreppach, Heilgersdorf und Memmelsdorf bejahten ihre Umgliederung in den Landkreis Coburg, Untermerzbach, Recheldorf und Gleusdorf wollten dem Landkreis Lichtenfels zugeordnet werden und Neubrunn und Breitbrunn tendierten zum Landkreis Haßfurt. Ähnlich war es auch bei den kreisangehörigen Gemeinden Hofheims: Stadtlauringen, Oberlauringen, Mailes, Birnfeld, Wetzhausen, Wettringen, Fuchsstadt, Altenmünster und Sulzfeld stimmten ihrer geplanten Umgliederung in den künftigen Landkreis Schweinfurt zu, während Aidhausen sie zusätzlich zu seinen Gunsten forderte.

 

Zusätzliche Unterstützung kam von der dritten kommunalen Ebene, dem Bezirkstag Unterfranken. Das Gremium lehnte die von München ins Auge gefassten Pläne, den Landkreis Ebern nach Oberfranken umzugliedern, konsequent ab. Gleichzeitig unterstütze der Bezirkstag die Alternative - einen ostunterfränkischen Landkreis zu bilden.

 

Aufgrund aller abgegebenen Stellungnahmen änderte das Bayerische Staatsministerium des Innern am 6. Oktober 1971 seinen ersten Reformentwurf. Ein Haßberg-Kreis sah folgende Gebiete vor: den Landkreis Haßfurt insgesamt, den Landkreis Ebern, ausgenommen Baunach und seinen Nahbereich sowie Heilgersdorf im Itzgrund, den Nahbereich Hofheim, ausgenommen Stadtlauringen und seinen Nahbereich, die Gemeinden Geusfeld, Wustviel und Wohnau aus dem Landkreis Gerolzhofen, die Gemeinde Koppenwind aus dem Landkreis Bamberg.

 

Aus rechtsstaatlichen Gründen einerseits und einer erneuten Bürgerbeteiligung andererseits, musste ein zweites Anhörungsverfahren in den betroffenen Kreistagen und Gemeinderäten durchgeführt werden, deren Stellungnahmen nicht entsprochen wurde. Diese stimmten neu ab und formulierten zum Teil noch einmal Änderungswünsche. Damit war der Weg frei, um entsprechend des neuen „Fahrplanes“ von Innenminister Dr. Bruno Merk die Kreisgebietsreform in den Haßbergen und im Steigerwald über den Ministerrat in die parlamentarische Beratung des Landtags zu bringen. Es blieb bei den im zweiten Anhörungsverfahren gefundenen Lösungen, womit das wesentliche Ziel erreicht war, einen Landkreis mit eigenständigen, an den Bedürfnissen des ländlichen Raumes orientierten Entfaltungs- und Entwicklungschancen, zu ermöglichen.

Eine schwere Geburt, aber ein Glücksfall

Vor 50 Jahren entstand der neue Landkreis Haßberge. Der damalige Staatssekretär a.D. Dr. Albert Meyer (†) war maßgeblich an der Umsetzung der Gebietsreform beteiligt.

 

1972 ist das Geburtsjahr des Landkreises Haßberge. 50 Jahre ist es nun her, dass die drei Landkreise Ebern, Hofheim und Haßfurt im Zuge der kommunalen Gebietsreform zu einem großen Landkreis zusammengelegt wurden.

„Das war eine schwierige Geburt“, hat Dr. Albert Meyer (†) , der zur damaligen Zeit als Abgeordneter des Stimmkreises Gerolzhofen-Haßfurt im Bayerischen Landtag wirkte, vor seinem Tod oft erzählt. Gemeinsam mit Landrat a.D. Dr. Walter Keller hatte er maßgeblich dazu beigetragen, dass es den Landkreis Haßberge in der heutigen Form gibt.

 

Der erste Regierungsentwurf hatte den Landkreis Haßberge zumindest so nicht vorgesehen. Ursprünglich war geplant, dass die Städte, Märkte und Gemeinden der Landkreise Haßfurt, Hofheim und Ebern aufgeteilt werden auf die Landkreise Bamberg, Schweinfurt und Coburg.

 

Ausgangspunkt der Gebietsreform war die Regierungserklärung von Ministerpräsident Alfons Goppel vom 27. Januar 1971, mit der er die Reform der kommunalen Struktur ankündigte, um „in Stadt und Land möglichst gleichwertige Lebensbedingungen zu schaffen“. Die Notwendigkeit der Gebietsreform sei damals in allen politischen Lagern im Grundsatz unumstritten gewesen. Bayern hat die Gebietsreform als letztes Bundesland im damaligen Westdeutschland durchgeführt. Diese Verzögerung hatte ihre Ursache nicht zuletzt in seiner andersartigen Bevölkerungsstruktur. Wegen der dünnen Besiedelung war es besonders schwierig, leistungsfähige Verwaltungseinheiten zu schaffen, ohne gleichzeitig den Bürgern nicht zu weite Wege zu ihren Verwaltungen zuzumuten.

 

Zudem hatte man es – im Gegensatz zu den anderen, allesamt erst nach dem Krieg neu geschaffenen Bundesländern -, mit althergebrachten Strukturen und einer überwiegend konservativen Bevölkerung zu tun, die tiefgreifenden Veränderungen zurückhaltend gegenüber stand. Albert Meyer hatte sich zu Lebzeiten nur zu gut daran erinnert, dass sich der Vorsitzende der damaligen Regierungspartei CSU – nämlich kein geringerer als Franz Josef Strauß, nur zähneknirschend und mit den allergrößten Vorbehalten mit der Notwendigkeit einer Gebietsreform abgefunden hat. 

 

Angesichts dieser nicht ganz einfachen Ausgangslage, gelang dem für die Gebietsreform verantwortlichen Innenminister und Schwaben, Dr. Bruno Merk, ein „Schwabenstreich“, der für den Erfolg der Reform von großer Bedeutung war. Er ordnete nämlich – scheinbar der Logik widersprechend an, dass zuerst die Landkreisreform und nach deren Abschluss die Gemeindegebietsreform zu erfolgen habe.  Merk hatte befürchtet, dass die ohnehin schwierige Gemeindegebietsreform scheitern oder doch weiter erschwert werden könnte, wenn die Diskussion hierüber auch noch mit der Existenzfrage von Landkreisen verbunden wäre. So wurde noch im Dezember 1971 die Kreis-gebietsreform im Landtag verabschiedet. Für die Gemeindegebietsreform hingegen wurde eine mehrjährige Frist - mit einer vorgeschalteten „Freiwilligkeitsphase“ - eingeräumt.

 

Vor 1971 verfügte der Regierungsbezirk Unterfranken über 22 Landkreise, von denen neun verblieben. Das bedeutete: 13 Landkreise mussten von der Landkarte verschwinden. Im ostunterfränkischen Raum gab es die Landkreise Haßfurt mit 46 000 Einwohnern, Ebern mit 26 000 Einwohnern und Hofheim mit 18 000 Einwohnern. „Jeder war sich darüber im Klaren, dass im Falle einer Reform die beiden kleineren Landkreise Ebern und Hofheim unter keinen Umständen zu halten sein würden“, hatte Mayer immer wieder verdeutlicht. Deswegen ging es nur noch um die Frage, ob man gemeinsam einen ländlichen Landkreis zwischen den „Stadt-Landkreisen“ Schweinfurt, Bamberg und Coburg schaffen könne, dessen Kreissitz allerdings aus Zentralitätsgründen auf Haßfurt fallen würde. Man sei sich klar darüber gewesen, dass auch eine solche Lösung – vor allem wegen des Zentralitätsverlustes der bisherigen Kreisstädte - auf erheblichen Widerstand stoßen würde.

 

Während die Kreisgebietsreform in Unterfranken, etwa am Untermain, relativ reibungslos vor sich ging, habe sich das ostunterfränkische Gebiet, insbesondere der damalige Landkreis Ebern als außerordentlich problematisch erwiesen. Dennoch waren Albert Meyer, Landrat Walter Keller wie auch der bereits verstorbene Eberner Landrat Dr. Hans Reuther sowie viele Kommunalpolitiker aus diesem Raum fest entschlossen, einen ländlichen Landkreis zwischen den Landkreisen Schweinfurt und Bamberg zustande zu bringen.

 

Albert Meyer hatte es stets als einen „glücklichen Umstand“ bezeichnet, dass er zur damaligen Zeit zwar noch nicht Mitglied der Staatsregierung, aber immerhin schon stellvertretender CSU-Fraktionsvorsitzender im Landtag war. Sein Wort hatte in den politischen Reihen Gewicht. Nach Überwindung erheblichen Widerstandes sei es gelungen, in München Verständnis für einen eigenständigen ländlichen Landkreis in den Haßbergen und im Steigerwald zu wecken. Die Entstehung eines ostunterfränkischen Landkreises, wie er sich nun seit 50 Jahren präsentiert, habe oftmals an einem seidenen Faden gehangen.“

 

Nachdem feststand, das Ebern auf alle Fälle seinen Hauptsitz verliert, war es dort sehr schwierig, den Bürgern einen neuen ländlichen Landkreis mit Haßfurt als Kreissitz schmackhaft zu machen. Gefragt war Überzeugungsarbeit vor Ort. Vor der Anhörung der Gemeinden wurden Versammlungen abgehalten, um die Bevölkerung für die Zugehörigkeit zu einem ostunterfränkischen Landkreis zu gewinnen. Schnell zeigte sich die ablehnende Haltung. Ein großer Teil der Bevölkerung forderte - sogar teilweise in massiver Form - den Anschluss an die Landkreise Bamberg, Schweinfurt und Coburg.  Dabei habe sich der damals kaum vorhandene Bezug zur Stadt Haßfurt als ein besonderes Handicap erwiesen. So sei es vorgekommen, dass die Politiker hämisch gefragt wurden, wo denn überhaupt Haßfurt liege, man sei dort noch nie gewesen und habe auch nicht die Absicht jemals dorthin zu fahren.

 

Eine Schlüsselrolle kam damals der Gemeinde Untermerzbach zu. Wegen der geographischen Lage waren die Bestrebungen, dem Landkreis Coburg zugeschlagen zu werden, verständlicherweise besonders stark. Den Verantwortlichen war aber bewusst, dass ein Verlust von Untermerzbach die Lage in Ebern nochmals zugunsten Unterfrankens verschärfen würde, denn man konnte diese Stadt, die schon den Kreissitz verliert, nicht auch noch von ihrem Hinterland trennen und die östliche Stadtgrenze im Hambach mit der Landkreis- und  Regierungsbezirksgrenze zusammenfallen lassen. Deswegen habe man mit allen Mitteln gearbeitet, um die Stimmung in Untermerzbach zugunsten eines ostunterfränkischen Landkreises zu ändern. Das ist dann halbwegs gelungen. Aber es war ein Riesen-Kunststück.

 

Während Walter Keller vor Ort kämpfte, hatte sich Albert Meyer beim Innenminister und in den Fraktionssitzungen der CSU nachhaltig für den Landkreis Haßberge eingesetzt. Zur Hilfe gekommen war ein wichtiger, sachlicher Umstand: Die Firma Kugelfischer Schweinfurt unterhielt in Ebern ein Zweigwerk mit immerhin 2.300 Arbeitsplätzen. Viele Arbeitnehmer fühlten sich durch ihren Arbeitsplatz doch mit Unterfranken verbunden. Dieses Werk sei auch ein wichtiges Argument bei den Beratungen in München gewesen, so dass der Innenminister den neuen Landkreis Haßberge in seinen Neuordnungsvorschlag aufnahm, der dann vom Landtag abgesegnet wurde. Für Albert Meyer war der heutige Landkreis Haßberge ein „einziger Glücksfall“.

 

Was wäre geschehen, wenn ein lebensfähiger ländlicher Landkreis zwischen Schweinfurt und Bamberg nicht zustande gekommen wäre?

Das Gebiet wäre zwangsläufig zwischen den Landkreisen Schweinfurt, Bamberg und Coburg aufgeteilt worden. Die Folge: Es wären zwei Mammut-Stadt-Umlandkreise Schweinfurt und Bamberg entstanden. Die Grenze zwischen dem Landkreis Schweinfurt und dem Landkreis Bamberg wäre voraussichtlich zwischen Haßfurt und Zeil verlaufen. Die Stadt Haßfurt wäre kein Kreissitz geworden und hätte mit Sicherheit nicht den enormen Aufschwung genommen, den sie heute verzeichnen kann. Die Stadt Ebern wäre eine kleine Stadt an der Peripherie geworden, wo sie gegenüber den großen Stadt-Umland-Gemeinden Bambergs kaum eine Rolle gespielt hätte. Im Landkreis Haßberge hat Ebern als immerhin zweitgrößte Stadt und als wichtiger Schulstandort ganz anderes Gewicht. Ähnliches gilt auch für die Stadt Hofheim, die jetzt völlig am Rand eines Gebietes liegen würde, das bis in die Nähe von Würzburg reicht.

  • 1998: Albert Meyer wird Ehrenvorsitzender des CSU-Kreisverbandes Haßberge

    Aufgrund seiner großen Verdienste wurde Albert Meyer 1998 zum Ehrenvorsitzenden des CSU-Kreisverbandes Haßberge ernannt. Unser Foto zeigt (von links): Siegmund Kerker, Landrat Rudolf Handwerker, Sebastian Freiherr von Rotenhan, Albert Meyer und Land-tagsabgeordneten Eduard Lintner.

  • 1978: CSU-Bezirksparteitag

    Von links: Franz Hofmann, Finanzstaatssekretär Albert Meyer, Finanzminister Max Streibl, Rudolf Handwerker und Landrat Walter Keller.

  • Wichtiger „Baumeister“ der Landkreisreform: Staatssekretär a. D. Dr. Albert Meyer.

  • 1976: Philipp Meyer und Staatssekretär Albert Meyer

    Unser Bild entstand bei einer Begegnung in Haßfurt.

  • 02.10.1986: Grundsteinlegung Neubau Landratsamt

    nser Bild zeigt (von links) Regierungsdirektor Rainer Freiherr von Andrian-Werburg, Staatssekretär Albert Meyer und Landrat Walter Keller.

  • Ortseinsicht in Rentweinsdorf:

    Staatssekretär Albert Meyer (2. von rechts) studiert die Pläne für die geplante Kulturhalle und den Kindergarten zusammen mit Bürgermeister Willi Schönmann (links), VG-Geschäftsleiter Christian Frieß (3. von links) und 2. Bürgermeister Willi Vetter.

  • Dezember 1975: Einweihungsfeier Kindergarten Pfarrweisach

    Von rechts: Bauingenieur Herwig Jugl, 2. Bürgermeister und Kindergartenreferent Erich Hanel, Winrich Itzenplitz, Oberamtsrat Franz Weiner, Landrat Walter Keller, Jugendamtsleiter Albert Antoni und Staatssekretär Albert Meyer (2. von links).

Die Rivalität war schnell überwunden

Seit 50 Jahren ist Ebern keine Kreisstadt mehr.  Altbürgermeister Rolf Feulner erinnert sich an die Zeit nach der Gebietsreform.

 

Die Pläne der Landkreisreform haben vor 50 Jahren für heftige Diskussionen gesorgt. Vor allem im Eberner Raum. Die Stimmung bei vielen Menschen wechselte zwischen innerer Wut, Hoffen und Bangen. Sie wussten, dass der Landkreis Ebern nur noch wenige Monate existieren würde. Viele fürchteten mit der Gebietsreform zum 1. Juli 1972 eine gewisse „Abwertung“ ihrer Stadt.

 

Als Rolf Feulner am 27. Februar 1972 zum Nachfolger des verstorbenen Bürgermeisters Franz Hübl an die Spitze der Stadt Ebern gewählt wurde, war die Landkreisreform längst beschlossene Sache. „Die Entscheidung im bayerischen Landtag war zu dem Zeitpunkt schon gefallen“, erinnert sich der heute 87-Jährige. „Da gab es nichts mehr dran zu rütteln.  Es lief sozusagen schon der Countdown: Ebern verlor den Kreissitz und wurde zusammen mit den Landkreisen Haßfurt und Hofheim in den neu geschaffenen Landkreis Haßberge eingegliedert.“

 

Keinen Zweifel hegt Rolf Feulner daran, dass die kommunale Gebietsreform ein richtiger Schritt war, um leistungsfähige Verwaltungseinheiten zu schaffen. „Der Landkreis Ebern mit seinen 26 000 Einwohnern war dünn besiedelt und industriearm  - er hätte keine Überlebenschance gehabt.“ Dies habe nicht nur der damalige Landrat Dr. Hans Reuther so gesehen, sondern auch der Großteil der Bevölkerung.

 

Was dann aber die Stimmung aufheizte: Die politischen Entscheidungsträger waren mehrheitlich gegen einen Anschluss Eberns an den Landkreis Bamberg. Forciert wurde ein neuer Landkreis mit Haßfurt als Kreissitz. „Damit waren viele Bürger nicht einverstanden, allein schon wegen der geografischen Lage. Zur Stadt Haßfurt fehlte den Ebernern einfach der Bezug.“  Nicht ganz unberechtigt stellten sich die Bürger die Frage, was ihnen der Großlandkreis Haßberge bringe. Rolf Feulner gibt ehrlich zu: „Wenn es nach mir gegangen wäre, würde Ebern heute zusammen mit Baunach zum Landkreis Bamberg gehören.“ Aber als Feulner Bürgermeister wurde, war das ohnehin kein Thema mehr, die Tatsachen waren schon geschaffen. Ein Nachkarten gab es für ihn nicht. Der Blick war in die Zukunft gerichtet, deswegen lautete seine Devise: „Wir müssen aus dem Landkreis Haßberge das Beste machen“.  

 

Am 1. Juli 1972 wurde Rolf Feulner in den neuen Kreistag des Landkreises Haßberge gewählt - eine wichtige Voraussetzung dafür, mitzureden und den Heimatkreis aktiv mitzugestalten. „Wir waren voll gefordert, schließlich gab es eine Fülle von Aufgaben zu bewältigen und jede Menge Probleme zu lösen.“ Insbesondere ging es auch darum, einen Ausgleich für die aufgegebenen Kreisstädte Ebern und Hofheim zu schaffen.

 

„Der Zentralitätsverlust war auf vielen Gebieten deutlich zu spüren“, berichtet der Altbürgermeister und ehemalige Kreisrat. Vor allem die Geschäftsleute und Unternehmen befürchteten durch den Wegfall des Kreissitzes Nachteile. „Es hat lange gedauert bis die Skepsis dem Optimismus gewichen ist. “ Als großes Glück bezeichnet Feulner den Umstand, dass Ebern seit 1962 schon Bundeswehr-Standort war und dieser zehn Jahre später noch ausgebaut wurde. „Damit konnten wir den Bevölkerungsverlust weitestgehend ausgleichen.“ Die Balthasar-Neumann-Kaserne war bis zu ihrer Auflösung über 40 Jahre lang ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber für die Stadt.

 

„Die Zeit nach der Gebietsreform war für Ebern nicht einfach“, beschreibt Feulner die damalige Situation.  Vor allem, wenn es um Neuansiedlungen von Lebensmittelmärkten oder Unternehmen ging. „Da haben wir ganz schön kämpfen und Überzeugungsarbeit leisten müssen, dass es sich hier lohnt, zu investieren. Denn man darf nicht vergessen, Ebern lag inmitten einer strukturschwachen Region im damaligen Zonenrandgebiet.“

 

Heute sind die Zeiten, als Ebern noch ein Mauerblümchen-Dasein fristete, längst vorbei. Systematisch hat die Stadt die Infrastruktur in allen Bereichen ausgebaut und kräftig investiert. Als einen großen Gewinn bezeichnet Feulner unter anderem die Verbindungsstraße von Haßfurt nach Ebern. Ebern ist heute die zweitgrößte Stadt im Landkreis Haßberge und genießt als Schulstandort einen hervorragenden Ruf.

 

„Auch in Haßfurt sind unsere Sorgen und Probleme immer auf offene Ohren gestoßen. Egal ob Walter Keller, Rudolf Handwerker oder Wilhelm Schneider - allen Landräten lag, beziehungsweise liegt die Entwicklung der Stadt Ebern sehr am Herzen.“ Große Unterstützung hätten die Eberner auch stets durch den bereits verstorbenen Staatssekretär a. D. Dr. Albert Meyer erhalten, wofür er den Spitznamen „Schutzengel Albert“ erhalten habe.

 

Die Zusammenarbeit im Kreistag sei all die Jahre immer konstruktiv gewesen. „Wir haben gemeinsam an einem Strang gezogen und alle daran gearbeitet, dass der Landkreis Haßberge zusammenwachsen kann“, so der Altbürgermeister.

 

Freilich habe es früher auch Rivalitäten zwischen den Kommunen gegeben. „Doch bei der gemeinsamen Arbeit waren diese schnell überwunden. Heute gibt es lediglich noch kleine regionale Kappeleien“, sagt Feulner augenzwinkernd. „Wir sind in den vergangenen 50 Jahren ein Landkreis geworden. Dennoch haben sich alle Regionen ihre ganz eigene Identität erhalten. Diese Vielfalt zeichnet unsere Haßberge auch aus - egal ob in gesellschaftlicher, kultureller oder landschaftlicher Hinsicht. Wir können stolz auf unsere Heimat sein.“ 

  • Der ehemalige Landrat des Landkreises Ebern, Dr. Hans Reuther, starb am 5. April 1991.

  • 24.05.1974: Französische Partnerschaft

    Der neue Landkreis brachte auch die deutsch-französsche Partnerschaft mit dem Distrikt Tricastin auf den Weg. Unser Foto entstand bei der offiziellen Feierstunde unter anderem mit den Bürger-meistern Erwin Borst, Rudolf Mett, Rolf Feulner, Alfons Schwanzar und Landrat Walter Keller. Foto: Günter Lipp

  • Das Krankenhaus Ebern wurde ursprünglich 1912 mit 40 Betten für die Distrikte Ebern und Bau-nach eröffnet. Kontinuierliche Verbesserungen, An- und Umbauten führten später zur Ausweitung der Kapazität auf 100 Planbetten. Generalsanierung und ein Neubau haben das ehemalige Kreis-krankenhaus Ebern 1998 zu einer modernen stationären Einrichtung gemacht. Im Zuge der Struktur-Veränderungen im Gesundheitswesen wurde die Planbettenzahl zuletzt auf 70 Betten festgelegt.

  • In der alten Berufsschule Ebern sind heute die Berufsorientierungs-Werkstätten der Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (bfz) untergebracht.

  • Rundgang im Eberner Krankenhaus nach der ersten Umbaumaßnahme 1973 mit dem früheren Chefarzt Dr. Stark (3. von links) und Landrat Walter

  • Die Meisterschule für das Schreinerhandwerk ist unter Dach und Fach (von links): Notar Dr. Brückner, Landrat Walter Keller und Bezirkstagspräsident Dr. Franz Gerstner. Keller (4. von links).

Es hätte auch ganz anders kommen können...

Der Heimatforscher und ehemaliger SPD-Kreisrat und Heimatforscher Ludwig Leisentritt: Der Bildung des neuen Landkreises Haßberge gingen aufregende Zeiten voraus.

Haßfurt/Zeil - „Das waren ganz schön aufregende Zeiten“, erinnert sich der ehemalige SPD-Kreisrat Ludwig Leisentritt und meint damit die Kreisgebietsreform, aus der vor 50 Jahren der neue Landkreis Haßberge entstanden ist.

 

Der 84-Jährige leidenschaftliche Politiker und Heimatforscher hat recherchiert: 16 Aktenordner füllten beim Landratsam Haßfurt die Vorgänge der Kreisreform im Zeitraum 1971/72. Aber, das ist seiner Meinung nach gar nicht mal so viel, wenn man vergleicht, dass die Stadt Zeil über das Hafen-Projekt allein 42 Ordner angesammelt hat.

 

Nicht zum ersten Mal hatte 1971/72 die anstehende Landkreisreform die Gemüter erregt. Eine Auflösung des früheren Bezirks Hofheim, der bereits seit 1862 zusammen zum Amtsbezirk Königshofen gehörte, habe schon 1928/29 zur Diskussion gestanden, wie historische Unterlagen belegen. Eine von Bürgermeister Uhl einberufene Protestversammlung gegen die Aufhebung des Bezirksamtes hatte großen Widerhall. Sämtliche Körperschaften des Bezirks seien auf den Plan getreten, so dass eine Tageszeitung hämisch notierte: „Sogar der Adel stieg zum Volk herab“.

 

Wie Ludwig Leisentritt berichtet, sahen die Bewoher des Haßgaues in der vorgesehenen Auflösung des Bezirksamtes den Beginn einer Katastrophe. Der hohen Staatsregierung rief man zu: „Zerstört nicht die Wurzeln staatlicher Kraft. Erhaltet eine lebensfähige Bevölkerung auf dem Lande!“ Offensichtlich konnten sich die Hofheimer bei der Regierung durchsetzen, denn das „beabsichtigte Unheil“ wurde von der Haßgau-Bevölkerung abgewendet.

 

Sonderstellung für Grenzlandkreise?

1957 habe es ein weiteres Mal konkrete Anzeichen für eine Landkreisreform gegeben. „Irgendwie sickerte durch, die Regierung plane eine probeweise Auflösung des Landkreises Hofheim.“ Der damalige Landtagsabgeordnete Artur Heinrich aus Rügheim sei dann bei den Ministerien in München Sturm gelaufen: Man dürfe einen ausgesprochenen Zonenlandkreis durch den Abzug von Ämtern nicht veröden lassen, war nur eines der vielen Argumente. Auch Hofheims Landrat Dr. Krahmer sei der Ansicht gewesen, den Grenzlandkreisen müsse sowohl in der Art als auch in der Zeit eine Sonderstellung zukommen.

 

Bereits mehr als zehn Jahre vor der Gemeindegebietsreform 1972 sei Mitte 1959 eine vertrauliche Anordnung des Innenministeriums bekannt geworden, wonach eine Zusammenlegung von Gemeinden bis zu 300 Einwohnern zu überprüfen sei. Im Kreis Haßfurt waren davon 29, in Ebern 26, und in Hofheim 30 Gemeinden betroffen.

Der heute zu Hofheim gehörende Ort Erlsdorf galt bis vor der Eingemeindung als der kleinste Ort in Bayern. Ganze 32 Einwohner zählte die Gemeinde. Die kommunalen Probleme habe man wie in einer größeren Familie diskutiert und gelöst, schließlich war fast jedes der elf Häuser im achtköpfigen Gemeinderat vertreten.

 

Weitere Anzeichen für eine Landkreisreform gab es im gleichen Jahr anlässlich der Auflösung des Amtsgerichtes Eltmann. Als die Wallburgstädter und die umliegenden Gemeinden in München deswegen vorstellig wurden, sei Justizminister Haas angesichts der hohen Personalkosten hart geblieben. Er habe sich damals bereits eine Zusammenlegung von Landratsämtern im Zuge einer territorialen Neugliederung vorstellen können.  

Nach dem letzten Krieg kam als erstes die Flurbereinigung als ökologische Veränderung. Es handelte sich hierbei um eine “Neuordnung des ländlichen Raumes”. Mit der Schließung zahlreicher Landschulen vollzog sich ein kultureller Wandel: unzählige Schulhäuser wurden nicht mehr benötigt. Die politische Veränderung kam letztendlich mit der Landkreis- und Gebietsreform 1971/78.

Im Zusammenhang mit der geplanten Verwaltungsvereinfachung stand  - genauso wie im Landkreis Hofheim  -  auch im Bereich Ebern der Sitz der Kreisbehörde relativ früh zur Diskussion. „Das Landratsamt Ebern muss bleiben“, so titelte schon 1955 eine Heimatzeitung. Der damalige Landrat Dr. Hans Reuther wollte im Bezirk Ebern zwei Jahre vor der ersten Gemeindereform 1972 das Geschehen beeinflussen, bevor staatlicherseits vollendete Tatsachen geschaffen werden.

 

Landkreis Ebern wehrt sich mit allen Mitteln gegen Auflösung

Ludwig Leisentritt untermauert dies mit einem weiteren Zeitungsausschnitt - diesmal mit der Überschrift „Der Landkreis Ebern arbeitet vor“. Die Landkreisverwaltung hatte einen Plan ausgearbeitet, um „kompaktere Gemeinden“ zu erhalten. Danach sollten aus den insgesamt 68 Gemeinden nur noch 23 werden, weitaus mehr als schließlich 1972 herauskamen. Landrat Dr. Hans Reuther habe versucht seinen Kreisbürgern eine freiwillige Gebietsreform dadurch schmackhaft zu machen, indem er versprach, „von alters her bestehende Bindungen der Gemeinden untereinander sowie wirtschaftliche und geografische Gesichtspunkte“ zu berücksichtigen. Sein Ziel sei es gewesen, bis zum Erlass konkreter Richtlinien durch den Staat, eine intensive Werbung für den Zusammenschluss der Gemeinden auf freiwilliger Basis zu betreiben. Dieses Vorhaben sei jedoch wegen mangelnder Unterstützung kläglich gescheitert.

 

Wie Leisentritt berichtet, habe die Stadt Ebern frühzeitig angekündigt, sich mit allen Mitteln gegen eine Auflösung ihres Landkreises zu wehren. Das Innenministerium hielt es für vertretbar, dass sich bei größeren Flächenlandkreisen der Besuch des Landratsamtes innerhalb eines halben Tages abwickeln lasse. Von der Tendenz her wollten sich große Teile des nördlichen Kreises Ebern dem Landkreis Bamberg, bzw. Coburg zuwenden.

 

Moderner Amtsbotenweg

Die Befürwörter erinnerten daran, dass der schwarze Löwe im Eberner Kreiswappen schon lange vor der Gebietsreform die Zugehörigkeit Eberns zu Bamberg symbolisiere. Einige Gebiete des Kreises Ebern hätten zwischen Haßfurt und Bamberg geschwankt. „Als Manko führte man zu Recht das Fehlen einer leistungsfähigen Verbindungsstraße zwischen dem Hauptteil des Eberner Kreises und der künftigen Kreisstadt Haßfurt an. Drei Jahre nach der Reform war die neue Staatsstraße fertig. Sie konnte nun gewissermaßen als moderner Amtsbotenweg zwischen Ebern und Haßfurt dienen.“

Ludwig Leisentritt erzählt, dass der Kreis Ebern zuerst auf Zeit gespielt habe, “er wünschte, erst nach einer Probezeit eine Entscheidung zu fällen.“ Man habe befürchtete, dass aus dem Grenzlandkreis Ebern ein „Armenhaus der Wohlstandsgesellschaft” werden könnte.

 

Annektions- und Expansionsgelüste

Mit Befremden registrierte man im Haßfurter Landratsamt, dass Oberfranken danach trachtete, auch der Raum Eltmann-Ebelsbach und die sogenannten „Heiligen Länder“ nach Oberfranken einzuverleiben. Man sprach von Annektions- und Expansionsgelüsten. Die Oberfranken wünschten ihr Gebiet in Richtung Westen bis auf die Höhe von Steinbach auszuweiten. Damit wäre Zeil mit Schmachtenberg und Ziegelanger am Rande eines künftigen Landkreises und sogar des Regierungsbezirkes Unterfranken zu liegen gekommen. Bambergs Landrat Neukum war sehr stark an der Wirtschaftskraft des Eltmanner Bereiches ( Kufi ) interessiert. Das hatte seinen Grund, glaubt Leisentritt. Er wusste nämlich bereits, dass mindestens die einstige Kreisgemeinde Gaustadt mit ihrer starken Industrie in die Stadt Bamberg eingemeindet werden soll.

„Landrat Walter Keller schickte damals die eifrigen Landtagsabgordneten Albert Meyer und Heiner Schneier aus, die mit wahrhaft missionarischem Eifer für den Verbleib in einem künftigen Haßbergkreis geworben haben“, berichtet der 74-Jährige. Und so hat sich später das Blatt gewendet: Das Eberner Landratsamt verkündete im September 1971: 64 Prozent der Bevölkerung sei für den Haßgau-Landkreis. Der Wunsch nach einer Volksbefragung war nicht verwirklicht worden. Und Landrat Dr. Hans Reuther war mittlerweile der Auffassung, es wäre der „Tod des kommunalen Lebens“, würde Ebern zum Ballungsgebiet Bamberg kommen.

Dass der Raum Ebern schließlich seine Gunst Haßfurt schenkte, hatte möglicherweise auch einen machtpolitschen Hintergrund gehabt, verrät Leisentritt. Insider glauben zu wissen, warum sich die Stimmung der Eberner schließlich von Bamberg nach Haßfurt neigte.“ In Unionskreisen machte man sich nämlich nach der Landkreisreform die Hoffnung, dass der Eberner Landrat Dr. Hans Reuther bei der Landratswahl Ende 1971 mit Hilfe des Raumes Eltmann, wo er her stammte, Chef des neuen Landkreises Haßberge werden könnte. „Doch die Delegierten der CSU nominierten den bisherigen Amtschef Walter Keller, der  Ende 1967 zunächst ja nicht als Unionsbewerber, sondern auf einer Liste der Wählergemeinschaft und des Christlichen Bürgerblocks, das Rennen machte. Wer weiß, ob es überhaupt zur Bildung des heutigen Landkreises Haßberge ohne diese Personalie gekommen wäre? Die Präferenz für einen Anschluss an Bamberg war ja zeitweise ziemlich dominant...“

 

Politische Zangengeburt

Es hätte aber auch anders kommen können, wenn nicht der damalige Haßfurter Landrat Walter Keller sowie Staatssekretär und Landtagsabgeordneter Albert Meyer im Verbund mit  Heiner Schneier sowie anderen gegen anderslautende Pläne der Merk`schen Reform erfolgreich Sturm gelaufen wären und oft hinter den Kulissen Verhandlungen geführt hätten, ist sich Ludwig Leisentritt heute sicher. „Der heutige Landkreis Haßberge war sozusagen eine politische Zangengeburt.“ Der ostunterfränkische Kreis sollte ursprünglich nicht nach Norden und Osten, sondern mehr nach Süden erweitert werden. Zwar wäre in diesem Fall ein Großteil des Landkreises Hofheim auch nach Haßfurt gekommen. Aber aus dem Landkreis Ebern hätten nur die Orte Breitbrunn, Hofstetten und Neubrunn zu dem neuen Gebilde gehört.

Rückblickend steht für Ludwig Leisentritt heute fest: Die Gebietsreform von 1972 hat mehr genutzt als geschadet. „Der Landkreis Haßberge ist ein Erfolgsprojekt.“

  • 03.11.1972: Nominierungsversammlung im Göllersaal in Zeil

    Walter Keller (2. von rechts) setzte sich mit 97:54 Stimmen gegen Eberns ehemaligen Landrat Dr. Hans Reuther (links) durch. Unser Bild zeigt sie im Gespräch zusammen mit Kreisrat und CSU-Kreisvorsitzenden Franz Hofmann (2. von links) und Erwin Borst (Hofheim).

  • Stellv. Ministerpräsident Alois Hundhammer (1900 bis 1974) Ende der 60er-Jahre zusammen mit dem Hofheimer Landrat Dr. Krahmer (3. von rechts) auf dem Weg zur Zonengrenze. Mit auf dem Bild MdB Alex Hösl (links) und BBV-Vertreter Theo Neubert (2. von links). Foto: Ludwig Leisentritt

  • Der letzte Kreistag des Landkreises Hofheim

    Mit Landrat Dr. Krahmer (1. Reihe, links)

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